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NewsimageJulia Blaimschein (19) arbeitete sieben Monate bei den Missionarinnen der Nächstenliebe in Portugal und berichtet uns über die Freude, alte Menschen zu begleiten

JfdL: Wie lange und wo warst Du in Portugal?

Julia: Ich war auf den Tag genau sieben Monate dort und zwar vom 22. Oktober (2002) bis 22. Mai (2003). Die meiste Zeit habe ich in Faro verbracht, das ist ganz im Süden von Portugal. Faro ist die Hauptstadt der Algarve und ungefähr so groß wie Wels, hat allerdings einen eigenen Flughafen, weil so viele Touristen dort hinkommen.

JfdL: Was hast Du dort gemacht?

Julia: Ich habe bei den Missionarinnen der Nächstenliebe von Mutter Teresa gewohnt, gebetet und gearbeitet. Die Schwestern betreuen und wohnen ein Haus mit alten Menschen. Solche, die durch das soziale Netz fallen. Das heißt, es sind viele psychisch kranke Personen dort, die alleine nicht mehr mit ihrem Leben zurecht kommen, die zu arm bzw. zu verwahrlost sind, um irgendwo anders Zuflucht bekommen zu können. Die meisten kommen direkt von der Straße ins Haus.

JfdL: Gibt es für Mütter in Not auch Einrichtungen?

Julia: In Faro kamen schwangere Frauen, um vor allem Kleidung und Babysachen zu holen. Eine spezielle Unterkunft in Faro selber gibt es nicht. Aber es gibt schon einige Häuser der Schwestern, die Mütter in Not direkt betreuen z.B. die Schwestern in Wien. Ich war auch in einem Haus in Tanger/Marokko. Die bieten Wohn- und Betreuungsmöglichkeiten für Schwangere in Not.

JfdL: Warum hast du so viel Zeit in Portugal verbracht?

Julia: Das ist eine gute Frage! Ursprünglich wollte ich nach Kalkutta in Indien gehen. Keine Ahnung, wie ich auf das gekommen bin. Ich habe schon sehr lange vorgehabt, irgendwann so etwas zu machen. Ich glaube, die Idee ist mir im Alter von ungefähr 16 Jahren gekommen und ich habe sie dann jedem erzählt, als Ansporn für mich, es auch wirklich zu machen.

Die Person Mutter Teresa ist natürlich faszinierend - nicht nur für mich, sondern für viele Menschen. Deswegen ist es vielleicht auch verständlich, dass mich ihre Arbeit fasziniert hat. Ich habe später eine Freundin kennen gelernt, die dieselben Pläne hatte. Wir sind gemeinsam zu den Schwestern nach Wien gefahren und haben uns Adressen von ihren Häusern in der ganzen Welt geben lassen. Wir haben Briefe geschrieben und schließlich eine Antwort aus Portugal bekommen.

Wir sind nach Portugal geflogen, meine Freundin, die Karin, ist in Lissabon geblieben und die Priorin von Lissabon hat mich nach Faro weiter geschickt. Ich habe im Laufe der Zeit gesehen, warum ich gerade in Portugal Station machen habe sollen. Ich glaube, es war wegen der Muttergottes.
Portugal ist das Land der Muttergottes. Ich glaube, ich hätte nirgendwo Fatima besser kennen lernen können als durch einen langen Aufenthalt in Portugal. Mir ist diese Nähe mit der Zeit sehr wichtig geworden und ich sehe es als riesiges Geschenk, dass ich auf die Erscheinungen in Fatima so aufmerksam werden konnte.

JfdL: Erzähle uns bitte von Deiner Umgebung, dem Alltag und den Menschen, mit denen du in Faro zu tun hattest.

Julia: Für mich war die Teilnahme an dem Gebetsleben der Schwestern sehr wichtig. Konkret hat das geheißen, dass wir von fünf bis sechs Uhr am Morgen die Laudes gebetet und eine Betrachtung über die Tageslesungen gemacht haben. Jeden Tag um halb acht Uhr war die heilige Messe. Das war natürlich das Wichtigste, aus der Eucharistie kann man die meiste Kraft schöpfen. Am Sonntag sind wir mit den Leuten unseres Hauses gemeinsam in die heilige Messe gegangen. Das war ganz besonders schön, auch wenn es chaotisch war, die Leute herumgelaufen sind und zu weinen begonnen haben, oder wenn ihnen die Hose heruntergefallen ist. Aber irgendwie hat man dadurch eine ganz besondere Gemeinschaft spüren können. Mir ist auch aufgefallen, gerade vor Gott in der Kirche habe ich eine ganz besondere Tiefe für sie empfinden können. Zu Mittag beteten wir den Angelus, ein Gebet für den Heiligen Vater und eine Litanei, am Freitag zusätzlich den Kreuzweg. Am Nachmittag war für eine Stunde Anbetung mit Rosenkranz, ungefähr zwischen halb drei und vier Uhr. Um sieben Uhr beteten wir die Vesper und um neun Uhr ein Abendgebet mit Sündenerforschung und Vergebungsbitte, damit ein friedlicher Schlaf zustande kommen konnte.

Von der konkreten Arbeit mit den Leuten habe ich ganz besonders eine Erinnerung mit nach Hause genommen, die für mich persönlich immer sehr schön war.
Täglich am frühen Nachmittag, wenn es Zeit zum Teetrinken war, bin ich zu Mauricio gekommen und habe ihn gefragt, ob er einen Tee trinken wolle. Der Mauricio sitzt im Rollstuhl und ist immer ein bisschen grantig. Er hat mich immer angeschnauzt und gesagt, er wolle keinen Tee. Eigentlich hat er immer nur darauf gewartet, dass ich ihm seine Haube wegnehme und mit ihm herumspaße. Schließlich hat er dann breit zu grinsen begonnen und gesagt: "Jetzt trinken wir Tee!" - Mauricio ist einer der Menschen, die ich am meisten vermisse, und ich frage mich, wer ihn jetzt wohl zum Teetrinken überreden wird.

Wer mich auch immer wieder beeindruckt hat, das war Isilda. Sie liegt seit etwa acht Jahren im Bett, weil sie seit über 20 Jahren an Multiple Sklerose leidet. Auch der geistliche Begleiter der Schwestern leidet an der selben Krankheit. Er ist nicht nur für die Schwestern in Faro zuständig, sondern auch der Leiter des Priesterseminars der dortigen Diözese und deswegen ein wirklich wichtiger Priester. Isilda betet und opfert für ihn ihr ganzes Leiden auf. Das gibt ihm sehr viel Kraft und auch für sie ist es sehr wichtig, zu sehen, dass ihre Krankheit nicht nur sehr destruktiv auf ihren Körper wirkt, sondern auch positive Effekte für diesen Priester und für sie selber hat.

JfdL: Das Glaubensleben der Missionarinnen der Nächstenliebe muss sich sehr tief bei den Gläubigen dort einprägen. Kannst du das bestätigen?

Julia: Ja. In Portugal ist es natürlich einfacher, den Glauben weiter zu geben, als sonst irgendwo, weil eine gewisse Grundlage von den Leuten da ist, was den katholischen Glauben betrifft. Nicht nur die Schwestern sind eine Bereicherung für den Glauben der Leute dort, sondern auch umgekehrt, man kann auch von dem Glaubensleben der Leute sehr viel lernen.
Ein konkreter Fall ist zum Beispiel die Odette: Sie ist 74 Jahre alt und ihr Lieblingshobby ist Tanzen bis zum Umfallen! Aber man kann bei Odette nicht nur Tanzen lernen, sondern auch, wie man ein Kind Gottes wird. In den Wintermonaten war der Himmel oft ganz schwarz verhangen von Wolken, wenn die Schwestern Essensverteilung an die armen Leute gemacht haben. Der Himmel war so dunkel, dass es jeden Moment zu regnen beginnen hätte können. Wir sind dann immer zu ihr gegangen und haben gesagt: "Odette, Du musst jetzt beten gehen!" Und für die Odette hat das geheißen, zur Türe hinauszugehen, weil für sie das Haus Gottes draußen unter dem Himmel ist. Sie hat mit Jesus zu verhandeln angefangen, mit den Händen herumgefuchtelt und gesagt: "Nein, Du darfst es jetzt nicht regnen lassen! Schau die Leute hier haben so großen Hunger und die Schwestern haben extra die Essenspakete hergerichtet und wenn es jetzt zu regnen anfängt, dann kann die Verteilung nicht stattfinden. Nein, Lieber Gott, Du kannst das jetzt nicht machen." Odette hatte so viel Vertrauen, dass sie sofort gedankt hat und de facto war es so, dass es während den Essensverteilungen nie zu regnen angefangen hat. Die Odette ist auch immer zum heiligen Josef gegangen und hat gesagt: "Wir brauchen Erdäpfel, wir brauchen Tomaten, heiliger Josef, bring Karotten." Die Sachen sind dann sehr oft gekommen!

Ich habe einmal zu ihr gesagt: "Odette, bete für mich zum heiligen Josef! Sie schaute mich vorwurfsvoll an: "Bist Du wahnsinnig? Zum heiligen Josef bete ich nur fürs Essen! Ich sage doch jeden Tag der Mutter Gottes, dass sie für Dich beten soll, aber zum heiligen Josef gehe ich nur, wenn's um das Essen geht!“

JfdL: In dem Haus waren ja sehr viele kranke und alte Leute. Wie denkst Du über Euthanasie?

Julia: Das Beispiel von Isilda zeigt doch sehr deutlich, dass man aus einer Krankheit auch sehr viel Nutzen ziehen kann:
Man versteht kaum mehr, was sie sagt, sie muss gepflegt werden, aber für Isilda werden die teuersten Matratzen gekauft, die besten Verbände und Medikamente. Es ist nicht immer leicht, mit ihr zu arbeiten, aber sie kann anderen Leuten durch ihr Leiden viel Kraft geben. Ich hab das auch bei anderen Menschen aus unserem Haus gesehen, bei Frauen, die knapp hundert Jahre alt waren. Im letzten Winter wurden einige von ihnen krank und kamen ins örtliche Krankenhaus. Als sie zu uns zurückgebracht wurden, waren sie fast tot. Man hatte sie im Krankenhaus liegen und stehen gelassen und sich nicht wirklich um sie gekümmert. Bei uns zuhause sind sie uns total abgegangen, weil wir so viel Kraft von ihnen schöpfen konnten und viel von ihnen lernen konnten. Mit der Zeit sind sie wieder aufgeblüht und es war wunderschön, wenn wir wieder miteinander lachen konnten.
Konkret will ich damit sagen: Gegen Euthanasie zu sein, bedeutet, diese Leute nicht nur existieren und vegetieren zu lassen. Es ist vor allem wichtig, sie wirklich leben zu lassen und das erreicht man am Besten, indem man ihnen zeigt, wie wichtig sie uns sind. Auch mit ihrer Krankheit und Altersschwäche. Wenn man das auszunutzen weiß, kann man noch so viel von ihnen lernen und so viel Spaß mit ihnen haben.

Ich kann mir vorstellen, dass die Ärzte, die heute Euthanasie durchführen, so etwas nie erlebt haben. Aber gerade hier liegt eine solche Freude. Vergleichbares habe ich nirgends wo anders erlebt.

JfdL: Was bleibt Dir von den letzten sieben Monaten im Haus der Missionarinnen der Nächstenliebe am meisten in Erinnerung?

Julia: Was ich immer wieder besonders an den Schwestern bewundert habe, war, dass sie trotz schwerster Arbeit und vor allem psychischer Belastung mit den Leuten, die wir hier das "Gesindel" nennen, sehr glücklich sind und so viel Zeit zum Scherzen und Lachen haben. Ich hatte oft nicht das Gefühl, unter still- frommen Schwestern zu leben, sondern ich spürte wahre Lebensfreude und gute Laune- das zeichnet die Schwestern sehr aus.

Was mich sehr nachdenklich stimmt, ist, dass viele Mädchen aus Indien dem Beispiel von Mutter Teresa nachfolgen. Ich möchte fast sagen, der Eindruck entstand in mir, dass nun die Inder zu uns nach Europa kommen, um hier zu evangelisieren und uns die Freude am Glauben wieder zu schenken. Vorher waren es doch die Europäer, die nach Indien gegangen sind und ihnen den Glauben gebracht haben und jetzt gehen u.a. die Missionarinnen der Nächstenliebe in die Welt, um das Evangelium des Lebens zu verkünden.

JfdL: Herzlichen Dank für das Gespräch!



© www.youthforlife.net   16. 06. 2009   09:43 Uhr

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